Der Tag beginnt genau so, wie wir es erwartet haben bzw. wie es die Vorhersage erwarten lies: Dauerregen tropft gegen die Scheiben und bildet Pfützen auf dem Parkplatz. Heute und auch morgen, soviel sei vorweg genommen, werden die Slot Canyons deswegen geschlossen bleiben. Zu gefährlich wäre es darin bei einer Flashflood eingeschlossen zu sein. Wir hatten Glück mit dem Wetter der letzten beiden Tage und unsere Bilder sind im Kasten. Für heute steht zunächst der Transfer nach Kanab an, von wo aus wir den Zion National Park und seine Umgebung erkunden wollen. 

So packen wir im Dauerregen unsere sieben Sachen in den Kofferraum des Mietwagens, tanken noch einmal voll und machen uns durch den Regen auf den Weg in Richtung Zion.

Es muss am Fotografen-Gen liegen: Während Raik seiner Pflicht als Tankwart nachkommt, versuche ich mich mit dem iPhone an den Regentropfen auf der Frontscheibe.

Auf dem Weg nach Kanab sieht es lange so aus, als würde uns der Dauerregen an unser neues Ziel begleiten. Tatsächlich haben wir aber in Kanab den angekündigten blauen Himmel mit Sonnenschein. Wir checken kurz im Hotel ein, bringen unsere Koffer aufs Zimmer und machen uns direkt an das Auskundschaften einiger Locations, die wir uns zu Hause schon herausgesucht haben. Auf dem Weg in den Zion Nationalpark checken wir dabei die Coral Pink Sanddunes, ein Statepark südwestlich des Zion. Der schaut ganz nett aus, ist aber sicher keine A-Location. Trotzdem wollen wir ihm eine Chance gegeben, wenn das Licht mitspielt.

Zion National Park

Anschließend geht es über den westlichen Eingang in den Zion National Park. Dort wundern wir uns erst einmal über das doch recht hohe Besucheraufkommen. Später erfahren wir, dass der Hauptteil des Parks, unten im Tal, wegen eines Erdrutsches gesperrt ist. Deswegen ist hier oben der ganze Betrieb. Wir lassen uns davon aber nicht stören und suchen unsere Motive zunächst am Clear Creek, der im oberen Teil des Zion National Park über ein paar Meilen mehr oder weniger direkt neben der Straße entlang läuft.

Reflektion der typischen Zion-Landschaft im Clear Creek.

Die Rot- und Orange-Töne des Gesteins sind typisch für den Zion National Park. Wir werden sie auch morgen außerhalb der Parkgrenzen wieder finden. Bevor wir uns an unserer Location für den Sonnenuntergang positionieren, fahren wir einmal quer durch den Park nach Springdale zu einem Outdoorladen. Hier reserviere ich mir eine wasserdichte Hose, Neoprensocken und Bachschuhe für unsere Abenteuer morgen – ja es wird spannend!
Anschließend geht es an den Zion Canyon Overlook. Direkt am oberen Ausgang des Tunnels startet ein Trail, der uns in gut zwanzig Minuten zu einer Abbruchkante hoch über dem Tal bringt. Dort herrscht dann so etwas wie Jahrmarktstimmung. Es wimmelt erst mal von Touristen, die sich in die Sonne auf die Felsen legen (harmlos) oder mit Baby auf dem Arm möglichst nahe am Abgrund für ein Selfie Position beziehen (einfach nur bekloppt). Die Ruhe, die dem Blick in diese majestätischen Landschaft würdig wäre, finden wir hier nicht einmal im Ansatz. Als Filmer müssten wir uns jetzt schon mal überlegen, welche Musik oder Naturgeräusche wir hier in der Nachbearbeitung darüber legen sollten. Auf den Bildern spielt das zum Glück keine Rolle und während der Wartezeit vor Ort setzen wir Kopfhörer auf, damit wir wenigstens unseren eigenen Soundtrack zu der Landschaft haben. Der Sonnenuntergang wird brauchbar und versöhnt uns wieder ein wenig mit der überlaufenen Location.

 Wintersonnenuntergang über dem Zion Canyon.

Kanarra Creek Falls

Am nächsten Morgen starten wir von Kanab aus in Richtung Kanarraville. Dort wollen wir zu einem kleinen Wasserfall, der etwas außerhalb des Zion National Parks liegt. Knapp drei Kilometer Fußmarsch sollen es vom Parkplatz aus bis zu dem Wassefall sein. Einen Großteil der Strecke läuft man dabei im Bach. Das ist im Hochsommer bestimmt ganz erfrischend, jetzt im Winter verlangt das aber entsprechende Ausrüstung: Ohne Trockenhosen, Neoprensocken und Bachschuhe geht hier wenig – schließlich gilt es längere Zeit in eiskaltem Wasser zu laufen.

Die notwendige Ausrüstung werde ich mir unterwegs in Springdale bei den Zion Outfitters ausleihen. Den Weg bis zum Parkplatz nach Kanarraville haben wir im Navi als Route programmiert. Ab dort soll der Weg gut ausgeschildert sein bzw. man folgt einfach dem Bachlauf stromaufwärts bis zum Wasserfall. So weit ist eigentlich alles klar und wir fahren in leichtem Regen in Kanab los.

Unsere Route führt uns durch den Zion National Park und auf dem Weg hinauf zum Osteingang des Parks geht der Regen in Schnee über. Die Straße geht immer mehr zu, ein Pickup-Truck steckt bereits im Straßengraben fest. Unser Mietwagen gerät mit seinen Sommerreifen in dem pappnassen Schnee sehr schnell an seine Traktionsgrenzen. Jede kleine Kuppe wird zur Herausforderung und Raik steht die Strecke als Fahrer tapfer durch! Vor uns sind keine Fahrspuren mehr zu sehen, nur auf der gegenüberliegenden Seite der Fahrbahn, die aus dem Park herausführt, ist noch eine Spur zu sehen. Bevor wir ganz hängen bleiben, beschließen wir auf diese Spur zu wechseln und fahren die letzten Meilen bis zum Park auf der Gegenfahrbahn. Vor jeder Kuppe hoffen wir, dass uns kein Auto entgegenkommt. Irgendwie ist das verrückt: Zu Hause, im Flughafenparkhaus, steht der Land Rover mit Winterreifen und Allradantrieb und hier müssen wir in einem Mietwagen mit Sommerreifen und Frontantrieb zittern, dass wir unser Ziel erreichen.

Auf der „letzten Rille“ in den Zion National Park – In der Not haben wir auf Linksverkehr umgestellt…

Schließlich erreichen wir ohne Gegenverkehr den Osteingang des Parks. Die Rangerin im Kassenhäuschen wundert sich, weil schon so lange kein Auto mehr gekommen ist und als wir ihr von den Straßenverhältnissen auf den letzten 12 Meilen berichten, will sie dann doch gleich mal den Räumdienst schicken. Was hinter uns liegt, ist uns eher egal. Wir wollen stattdessen wissen, in welchem Zustand die kurvenreiche Strecke hinab ins Tal ist. Man versichert uns, dass auf den nächsten Metern der Schnee aufhören soll und tatsächlich ist es dann auch so. Auf der anderen Seite des Parks, in Springdale, scheint die Sonne als wäre nichts gewesen. Das Abholen der Outdoor-Ausrüstung dauert keine Viertelstunde und schon sind wir wieder auf dem Weg nach Kanarraville. Ein paar Meilen vor der kleinen Ortschaft, wir haben bereits die Interstate verlassen, setzt feiner Sprühregen ein. Bei Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt bedeutet das nichts Gutes und als wir schließlich im Ort rechts abbiegen wollen, rutschen wir mit voll eingeschlagenen Rädern erst mal geradeaus über die Kreuzung drüber. Also das Ganze nochmal gaaaaaaanz langsam aus der anderen Richtung probiert und so schlingern wir schließlich auf den Parkplatz am Trailhead zu den Kanarra Creek Falls. Puh, das wäre also geschafft. Wir sind jetzt erst mal froh aus dem Auto draussen zu sein und hangeln uns auf dem vereisten Parkplatz an der Seite entlang zum Kofferraum um uns abmarschbereit zu machen. Bis alles herausgesucht und verzurrt und verstaut ist, dauert das dann doch ein paar Minuten. In der Zeit kommt ein weiteres Auto auf den Parkplatz, vier Mädels springen heraus. Mit Leggins, Turnschuhen und leichter Jacke wirken die Damen doch etwas fehlplatziert hier. Kurzer Smalltalk – ja sie wollen auch an die Falls und schon schlittern sie fröhlich schnatternd los. In unserer Ausrüstung wirken wir dagegen beinahe wie eine National-Geographic-Expedition. Irgendwann stapfen wir dann los und kommen als erstes an einem Hinweisschild vorbei, welches noch einmal auf die Gefahren der anstehenden Wanderung hinweist.

„Flip flops are not proper foot wear“ – ja und? Trump ist ja auch kein richtiger Präsident!

Das klingt alles schon recht beeindruckend, aber was hier und heute noch dazu kommt: Der Eisregen hat mittlerweile die komplette Landschaft mit einer dünnen Eiskruste überzogen – auch die Steine und Wege direkt am Bachufer. Wir kommen deswegen nur sehr mühsam voran. Jeder Stein, der am Ufer oder im Bach überklettert werden muss, ist eine extrem rutschige Herausforderung. Wir können uns nicht vorstellen, dass die Mädelsgruppe vom Parkplatz wirklich hier entlang gegangen sein soll. Irgendwann ziehen wir dann unsere Steigeisen über die Bachschuhe und mit dieser Kombination kommen wir etwas besser voran. Trotzdem müssen wir uns immer wieder zum Durchhalten ermuntern. Nach knapp zwei Stunden, die uns viel Kraft und Konzentration kosten, sagt uns das GPS, dass wir bald in den fotografisch interessanten Bereich des Bachs kommen müssten. Dann hören wir Stimmen und hinter eine Biegung sitzen auf einer Sandbank im Bach die Damen und sie erzählen uns, dass es nur noch ein wenige Meter wären, die uns vom Ziel trennen. Sie sind bereits auf dem Rückweg und laufen mit Turnschuhen respektive Wildlederstiefelchen im Bach entlang.  Wir sind irritiert und fragen, ob sie nicht kalt haben oder nicht wenigstens Neoprensocken anhaben. „Neoprensocken habe ich“, meint die eine, „die habe ich aber vergessen, geht ja auch so“ und man wünscht uns noch einen schönen Tag bevor sich die Truppe schnatternd bachabwärts zurück in Richtung Parkplatz weiter bewegt. Da stehen wir nun im kalten Wasser, mit unserer Hi-Tech Ausrüstung und verstehen gerade die Welt nicht mehr. Etwas irritiert setzen wir unseren Marsch fort und kommen wenig später zum Ziel, den Kanarra Narrows. Da setzt dann auch wieder gleich das Fotografen-Gen ein und alle Anstrengungen sind erst mal vergessen, wenn ansprechende Motive vor der Kamera sind.

Eingang in die Kanarra Narrows

Der Bereich der uns fotografisch interessiert ist ca. 200 Meter lang und hat am Ende eine Fallstufe, an deren Seite ein Baumstamm mit Eisenstufen als  Leiter montiert ist.

The Ladder – Kanarra Creek

Wir toben uns hier fotografisch aus und treten danach den Rückweg an. Diesmal beschließen wir möglichst viel im Bach zu laufen um nicht auf den vereisten Ufern klettern zu müssen. Trotz der Neopren Socken schmerzen mittlerweile die Füße vor Kälte und ich bin froh, als ich wieder am Auto bin und die Kleidung schließlich tauschen kann.

Coral Pink Sand Dunes State Park

Auf dem Rückweg machen wir noch einen Stopp im Coral Pink Sand Dunes State Park. Hier wollen wir die Dünen zum Sonnenuntergang fotografieren. Zeitlich haben wir das perfekt hinbekommen, wir sind keine Minute zu früh dort und ein geeigneter Platz ist schnell gefunden. Die Dünen sind kaum besucht an diesem Abend.

Zurück im Hotel steht erst mal Equipment-Pflege an. Heute haben Wasser, Eis und Sand den Verschlüssen an den Stativbeinen zugesetzt. Mir ist es ebenfalls nach einer warmen Dusche. Dabei entdecke ich an meinen Füßen Anzeichen von leichten Erfrierungen. Ich bin etwas irritiert, wie das passieren konnte und will mich über Google näher dazu informieren. Einer der ersten Treffer nennt kaltes, fließendes Wasser in Verbindung mit eng anliegenden Schuhen oder bspw. Steigeisen als eine beliebte Falle – das kann ich jetzt aus eigener Erfahrung bestätigen. Nun, was uns nicht umbringt, macht uns bekanntlich nur härter. Die Damengruppe von heute Mittag scheint hier jedenfalls deutlichen Vorsprung vor uns „Großstadtcowboys“ zu haben. Trotzdem sind wir stolz auf das Geleistete und das Erlebte und freuen uns um so mehr auf den nächsten Tag, wenn es an den Bryce-Canyon geht.

Den Blogbeitrag von Raik zum Zion findet Ihr auf raiklight.de