Leser meines Blogs erinnern sich an den Artikel über die Küchenschellen mit Altglas, der vor etwas mehr als einem Jahr erschienen ist. Darin ging es um kreative Gestaltungsmöglichkeiten in der Pflanzenfotografie durch das Ausnutzen bestimmter Abbildungseigenschaften alter Objektive. Damals hatte ich vier alte Objektive für kleines Geld gebraucht erworben. Mittlerweile hatte ich einiges an Spaß mit diesem Altglas und es sind eine ganze Reihe interessanter Bilder damit entstanden. Um so mehr interessierte mich jetzt das Lensbaby Velvet 56, ein Objektiv, welches erst vor kurzer Zeit ganz neu auf den Markt gekommen ist und gezielt so konstruiert wurde, dass es bei offener Blende samtig weich abbilden soll.  

Lensbaby, bzw. der deutsche Importeur ‚HaPa-Team‘, bewirbt die Einsatzmöglichkeiten das Velvet 56 wie folgt

„…von samtigen Porträts über Detailaufnahmen von Kleidung oder Schmuck bis hin zu Natur- und Makrofotos mit scharfem Fokuspunkt…“

Ich frage mich an dieser Stelle natürlich, warum Portraits samtig sein dürfen, während bei Natur- und Makroaufnahmen die Kreativität mit dem scharfen Fokuspunkt erschöpft sein soll. Von so einer ‚Vorgabe‘ habe ich mich natürlich nicht abhalten lassen. Statt dessen habe ich das Lensbaby Velvet 56 so eingesetzt, dass der samtig weiche Effekt bei Offenblende bei meinen Pflanzenaufnahmen zum tragen kam. Schauen wir uns aber erst mal kurz die technischen Daten an, bevor wir zu meinen Praxiserfahrungen mit dem Objektiv kommen.

Verarbeitung, Haptik und Kameraanschluß

Im Hinblick auf den angestrebten Einsatzbereich sind die wesentlichen Eckpunkte der Spezifikation:

Brennweite 56mm
Lichtstärke f/1,6
Naheinstellgrenze ca. 23,5cm
Abbildungsmaßstaß 1:2
Filtergewinde 62mm

Für die Arbeit an der Naheinstellgrenze sind die beiden folgenden Werte ebenfalls von Interesse:

Abstand Frontlinse – Objekt ca. 13cm
Abstand Vorderkante  – Objekt ca. 10cm

Kleine Kuriosität: Der Skalenwert an der Naheinstellgrenze beträgt ’13 cm‘ – das gibt aber nicht den Abstand zwischen Filmebene und Objekt an, sondern (zufällig?) den Abstand zwischen Frontlinse und Objekt. Den Abstand zwischen Objekt und Filmebene habe ich mit ca. 23,5cm nachgemessen.

Das Objektiv hat ein Gehäuse aus Metall und fühlt sich sehr wertig und solide an. Jedenfalls war ich sehr angenehm überrascht, als ich das Velvet 56 zum ersten mal in die Hand genommen habe. Nichts klackert oder hat unnötig Spiel. Die Fokusverstellung läuft über den gesamten Bereich weich und gleichmäßig. Der Anschlag bei ∞ ist auf der tatsächlichen ∞-Position. Die Verstellwege sind ausreichend lang, um ein präzises manuelles Fokussieren zu ermöglichen. Der Anschluß an das Kamerabajonett ist rein mechanisch und rastet eben so gut ein, wie das bei meinen  Originalobjektiven von Canon der Fall ist. Es erfolgt jedoch keine Signalübertragung zwischen Kamera und Objektiv. Entsprechend ist die Blende als Arbeitsblende ausgelegt, d.h. sie wird manuell eingestellt und bleibt dann in dieser Stellung – im Gegensatz zu einer Springblende, die erst im Moment der Aufnahme auf den vorgewählten Wert geschlossen wird. Abgesehen vom ersten Schritt, der mit einer Verstellung von 1,6 auf 2,0 als 2/3-Schritt ausgelegt ist, erfolgt die Verstellung der Blende in ganzen Schritten. 2,8 – 4 – 5,6 – 8 – 11 – 16 sind die weiteren Rastungen in der Blendenverstellung. Die Stufen rasten weich und satt ein. An dieser Stelle soll es dann auch schon genug an Zahlenwerk und Theorie sein. Das wichtigste ist doch, welche Arbeitsergebnisse mit der Linse erzielt werden können.

LBCOL

Die Verpackungsbox des Lensbaby 56 Velvet ist , im Vergleich zu anderen Objektivverpackungen, geradezu liebevoll gestaltet und gibt einen ersten Vorgeschmack auf die sehr wertige Verarbeitung des Objektivs. Mein Exemplar habe ich direkt bei dem deutschen Vertrieb, dem HapaTeam, erworben.

In der Praxis

Betrieben habe ich das Lensbaby Velvet 56 an einer EOS 5DsR, sowie über den EF-M Adapter an einer EOS M-3. Letztere ist mittlerweile wegen ihres Klappdisplays zu meiner bevorzugten Kamera für bodennahes Arbeiten geworden. Durch den kleineren Sensor der M3 (Faktor 1,6) entspricht der Bildwinkel dem eines Objektivs mit einer Brennweite von ca. 90mm an einer Kleinbildkamera.

Wegen der rein mechanischen Kopplung zwischen Kamera und Objektiv, kann die Blende nicht von der Kamera gesteuert werden. Aus diesem Grund empfiehlt es sich, das Objektiv entweder in der Blendenvorwahl (Av) oder im manuellen Modus (M) der Kamera zu betreiben.

Blende und Weichzeichnung

Der Samt-Effekt wird durch die Blende gesteuert. Bei offener Blende ist er am größten. Er nimmt mit Schließen der Blende sehr rasch ab und ist bereits bei einer Blende von 4.0 nur noch sehr subtil zu erkennen. Weiter abgeblendet unterscheiden sich die Bilder dann nicht mehr von einem normalen Objektiv gleicher Brennweite.

velvet16000-1016 velvet16000-2020 velvet16000-3028 velvet16000-4040
f/1.6 f/2 f/2.8 f/4

 

velvet16000-5056 velvet16000-6080 velvet16000-7110 velvet16000-8160
f/5.6 f/8 f/11 f/16

Blendenreihe EOS 5DSR – Velvet 56

Die Blende ist als Arbeitsblende ausgelegt. Dadurch lässt sich die Weichzeichnung gut im Sucher bzw. im LiveView abschätzen. Die Offenblende finde ich schon sehr extrem, was den Effekt der Weichzeichung angeht. Zusammen mit der geringen Schärfentiefe bei Blende 1,6 ist der Bereich, in den man die schärferelevanten Bildinformationen hineinpacken kann doch sehr gering. Das Motiv muss da schon gut mitspielen. Viel gefälliger finde ich schon eine Blende 2. Der Effekt hat bei dieser Blende nur etwas verloren, die Schärfentiefe ist geringfügig größer und die Strukturen im Hintergrund werden noch sehr gut aufgelöst. Blende 2 hat sich für mich als Ausgangswert  beim ersten Blick auf das Motiv etabliert und ist auch zu der Blende geworden, die ich am häufigsten für die Aufnahme verwende. Bei einer Blende von 2,8 ist der Effekt zwar noch deutlich erkennbar, gleichzeitig bekommt aber auch der Hintergrund schon etwas mehr Struktur. Für Motive mit ruhigem Hintergrund ist das sicher noch eine Option. Blende 4 zeigt den Effekt nur noch in einer Form, für die ich bisher keinen kreativen Einsatz gefunden habe. Kleinere Blenden (lies: größere Blendenzahlen) lassen den Effekt dann vollständig verschwinden.

Wie sieht nun diese Weichzeichnung genau aus, was ist ihre Charakteristik? Mich erinnern die Aufnahmen mit dem Lensbaby Velvet 56 am ehesten an eine klassische Doppelbelichtung, bei der die zweite Aufnahme defokussiert und heller belichtet wird – der sog. Orton-Effekt. Betrachtet man die Bilder näher bzw. stark vergrößert kann man in der Tat ein scharfes Kernbild erkennen, was von einem unscharfen zweiten Bild zu überlagert zu werden scheint – jedoch ist das hier in einer Aufnahme passiert. Den Bereich außerhalb der Schärfeebene lässt diese unscharfe Überlagerung besonders weich wirken. Dadurch treten Strukturen im Hintergrund zurück, er wirkt weich und gefällig und lenkt nur wenig vom Hauptmotiv ab.

mpb160028Verträumte Stimmung im Hallerbos.
EOS 5DSR – Lensbaby 56 – f/2.0 – ISO100 – 1/250s

 

mpb160051Purpurknabenkraut.
EOS M3 – Lensbaby 56 – f/2.0 – ISO200 – 1/320s

Was ich mir wünschen würde bzw. was mir wirklich fehlt, sind 1/3 Rastungen zwischen den Blendenstufen. Gerade in dem Bereich zwischen 2 und 2,8 lässt sich oft eine schöne Balance zwischen Samt-Effekt und notwendiger Schärfe finden. Zwar kann man mit etwas Fingerspitzengefühl die Blendeneinstellung auch irgendwo zwischen den beiden Rastungen stehen lassen, eine definierte Rastung wäre mir aber lieber, weil reproduzierbar. Warum ausgerechnet bei einem hochwertig verarbeiteten, rein manuellen Objektiv auf diese Einstellmöglichkeit verzichtet wurde, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel.

Streulichtverhalten

Die schönsten Lichtsituationen finde ich oft, wenn ich die Pflanzen im Gegenlicht fotografiere – und zwar so, dass sich die Lichtquelle nur ganz knapp außerhalb des Bildfeldes befindet. Das lässt die Blüten und Gräser im Gegenlicht leuchten und helle Elemente außerhalb der Schärfeebene  setzen dabei besondere Akzente, die wie wolkige Kringel oder fast wie Seifenblasen wirken können. Bei vielen Objektiven treten in solchen Situation auch Flares (Reflexe innerhalb des Objektivs) auf, die je nach Ausprägung die Bildwirkung durchaus unterstreichen können. Aussagekräftige Beispielbilder, wie das Lensbaby Velvet 56 in solchen Lichtsituationen abbildet, habe ich vorab keine gefunden. Deswegen war ich besonders gespannt, wie es sich in dieser Hinsicht verhält.

Nun, mit dem Lensbaby Velvet 56 kann man bei Gegenlicht viel erleben – leider nur wenig gutes. Die Reflexe sind nur sehr schwer kontrollierbar und irgendwo entdeckt man später im Bild dann immer eine aufdringliche Regenbogenlinie in einem Unschärfekreis oder eine hässliche Deformation eines Unschärfekreises.

mpb160048Leider keine Seltenheit in Gegenlichtsituationen: Eine Regenbogenlinie im Unschärfekreis.
EOS M3 – Lensbaby 56 – f/2.0 – ISO200 – 1/1250s

 

Wenn man um dieses Verhalten weis, kann man bei der Aufnahme darauf besonderes achten. Oftmals – aber nicht immer – genügt eine geringfügige Änderung des Aufnahmewinkels, um die Reflexe zu vermeiden:

mpb160047 mpb160037
Reflexe in Spektralfarben im Bild (unten links+mitte). Eine geringe Änderung der Aufnahmeposition genügt
hier um die Reflexe verschwinden zu lassen
EOS M3 – Lensbaby 56 – f/2.0 – ISO200 – 1/400s EOS M3 – Lensbaby 56 – f/2.0 – ISO200 – 1/400s

 

mpb160052

Sollte ich das Streulichtverhalten des Lensbaby Velvet 56 möglichst knapp beschreiben, würde ich sagen, es ist irgendwo zwischen „zickig“ und „unbrauchbar“. Das mag hart klingen, aber ich habe es als die Ausnahme erlebt, wenn ich im starken Gegenlicht einmal keine Regenbogen-Reflexe oder seltsam geformte Unschärfekreise im Bild hatte.

Ehrlich gesagt überrascht mich dieses Verhalten, gerade im Bezug auf die Bauform des Objektivs. Die Frontlinse liegt sehr weit zurückgesetzt im Objektivgehäuse, so dass der über die Frontlinse hinausragende Tubus schon wie eine Streulichtblende wirkt.

Ich laste dieses Verhalten dem Objektiv aber nicht als Fehler im Sinne einer Abweichung von der Beschreibung oder dem anerkannten Stand der Technik an. Es steht einfach der von mir angestrebten Verwendung, in einem Einsatzbereich in dem vorhandene Fehler kreativ genutzt werden sollen, mehr oder weniger deutlich entgegen. Dafür habe ich, im Vergleich zum Lensbaby Velvet 56,  wesentlich geeignetere Objektive in der Fototasche.

Gelingt es einem hingegen direkte Lichtquellen weit genug vom Bildrand weg zu halten, erscheinen die Helligkeitsunterschiede sehr ansprechend als „Wolken“, die man in die Bildgestaltung mit einbauen kann:

mpb160050Lichtwolke über Maiglöckchen.
EOS M3 – Lensbaby 56 – f/2.0 – ISO200 – 1/13s

Ebenso unkritisch sind sehr diffuse Gegenlichtsituationen, wie ich sie beispielsweise habe, wenn ich bei Nebel in Richtung Sonne fotografiere. Hier schafft es das Lensbaby Velvet 56 den Hintergrund wie eine große Softbox wirken zu lassen:

mpb160049Brandknabenkraut im Gegenlicht bei Nebel
EOS M3 – Lensbaby 56 – f/1.6 – ISO200 – 1/320s

Zusammenfassung

Mit dem Velvet 56 liefert Lensbaby ein sehr hochwertiges Objektiv, mit dem es Spaß macht zu arbeiten. Der maximale Abbildungsmaßstab von immerhin 1:2 macht es interessant für die Naturfotografie. Seine Stärke hat das Objektiv, wenn es darum geht mit Offenblende gestalterisch zu arbeiten. Hier kann es zu ganz besonderen Bildern verhelfen, die sonst nur mit Doppelbelichtungen oder starker Bildbearbeitung möglich sind. In Gegenlichtsituationen ist allerdings besondere Vorsicht geboten, rasch können dabei unschöne Effekte entstehen.

Der Preis, den Lensbaby für das Velvet 56 aufruft, beginnt bei ca. 550 Euro für die schwarze Version. Wer gerne etwas bling-bling an der Kamera hat, darf auch mehr auf den Tisch legen und bekommt dann ein silbernes oder gar ein Bi-Color objektiv (Silber/Orange), wohlgemerkt ist das optische Innenleben aller drei Versionen identisch. Was die Verarbeitung des Objektivs angeht, mag das der Preis gerechtfertigt sein. Trotz allem ist das Anwendungsgebiet sehr schmal und man muss das schon wirklich wollen, um dafür diesen Preis zu bezahlen. Mein Exemplar des Lensbaby Velvet 56 habe ich direkt beim Importeur (Hapa-Team) als Vorführgerät gekauft. Mit einem Preis von 399 Euro bei voller Garantier war es mir das schon eher wert und dafür darf es mich dann auch gerne noch etwas länger begleiten.