„Für die Zubereitung von Speisen nimmt man am besten einen Topf!“ Jedem ist wohl klar, dass dieser Ratschlag eigentlich viel zu pauschal ist. Was nutzt mir ein Topf, wenn ich eine Torte backen möchte oder ein Steak grillen will? Nur weil ein Werkzeug für eine bestimmte Aufgabe geeignet ist, heist das noch lange nicht, dass es für ein ganzes Aufgabenfeld die beste Wahl ist. Das klingt bis jetzt banal und wenig spannend und wäre in einem Kochclub sicher keine Diskussion wert. In einem Bereich der Fotografie sieht das aber anders aus. Hier gibt es immer wieder eine Diskussion und Überraschungsmomente, wenn es um die Landschaftsfotografie geht: „Zur Landschaftsfotografie nimmt man am besten ein Weitwinkelobjektiv!“ lautet die oft im Brustton der Überzeugung vorgetragene These. Der Ratschlag mag noch so gut gemeint sein, richtig ist er, aus meiner Sicht, deswegen noch lange nicht. Neben einem Weitwinkelobjektiv, hat auch das Teleobjektiv einen festen Platz in meinem Fotorucksack, wenn es um die Fotografie von Landschaften geht. Ich verdanke ihm viele Bilder, die sonst nicht möglich gewesen wären.

Im folgenden möchte ich an ausgewählten Beispielen erklären, warum sich ein Teleobjektiv sehr gut zum Einsatz in der Landschaftsfotografie eignet und für welche Motive ich es besonders gerne einsetze. Dabei will ich kein Haarspalter sein und alles was unter dem Bildwinkel einer 50mm Brennweite am Kleinbild liegt als Tele bezeichnen. Ich ziehe statt dessen die Grenze bei großzügigen 100mm Brennweite (am Kleinbild). Hier ist die Charakteristik eines Teleobjektivs schon deutlich. Nach oben hin sind praktisch keine Grenzen gesetzt. Häufig setze ich Brennweiten zwischen 200mm und 400mm ein. Einige meiner spannendsten Landschaftsaufnahmen habe ich mit Brennweiten von 500mm bis 700mm gemacht.

Ausschnitt & Vergrößerung

Ein Bild zeigt immer nur ein Ausschnitt des ganzen. Mit dem Teleobjektiv fasse ich diesen Ausschnitt relativ eng. Motive im Fernbereich erscheinen näher. In jedem Fall sind die Motive zu einem hohen Grad isoliert vom restlichen Umfeld. Dabei entstehen „Landschaftsdetails“, die dem Betrachter einen ganz anderen Blick auf die Landschaft bieten.

Heceta Head Lighthouse, Brennweite 135mm (Kleinbild)

Typisch für die Fotografie an der Küste ist es, dass man seinen Kamerastandpunkt nur sehr eingeschränkt wählen kann. Die Aufnahme vom Heceta Lighthouse zeigt das recht einfach: Vom Aufnahmestandpunkt an der Küste besteht nur über die Wahl der Brennweite die Möglichkeit die Größe des Leuchtturms im Bild zu beeinflußen. Um den Leuchtturm nicht zu klein abzubilden, aber gleichzeitig auch etwas von der Umgebung im Bild zu erzählen, habe ich mich hier für die recht moderate Telebrennweite von 135mm entschieden.

Auch im folgenden Beispiel war es nur durch die Wahl der Brennweite möglich den gewünschten Bildausschnitt zu erreichen. Zum Sonnenuntergang liegt ein Lichtspot auf einer Fontäne, die im Rhythmus der Brandung zischen den Felsen hervorschießt. Eine Brennweite von 180mm hat dazu gedient, dieses Detail im Bild festzuhalten.

Brandungsfontäne an der Atlantikküste, Brennweite 180mm (Kleinbild)

Auch abseits der Küste, im Landesinneren, hat man oft Aufnahmepositionen, bei denen die Entfernung zum Motiv fest vorgegeben ist. Ein Beispiel dafür sind Aussichtspunkte. Exponiert am Abhang oder auf einem Felsen gelegen, steht man hier vor der selben Herausforderung.  Neben einer klassischen Übersichtsaufnahme, welche die Weite einer Landschaft zum Ausdruck bringen kann, lohnt es sich auch hier nach Ausschnitten Ausschau zu halten, die man mit dem Teleobjektiv herausarbeiten kann. So erzielt man bei einem Blick herab und einem Bildaufbau ohne Horizont im Bild eine Wirkung, die einem Luftbild ähnelt. Die folgende Aufnahme zeigt den Blick an einem Herbstmorgen von einem Felsen hinab in ein nebelgefülltes Tal. Eine Brennweite von 180mm reduzierte den Bildausschnitt auf das gewünschte Motiv.

Blick vom Felsen in ein nebelgefülltes Tal, Brennweite 180mm (Kleinbild)

Die bisher gezeigten Beispiele entstanden mit Brennweiten unter 200mm. Das ist ein typischer Anwendungsfall für die beliebten 70-200mm Zoom Objektive. Es gibt aber auch zahlreiche Situationen, in denen deutlich längere Brennweiten gefragt sind.

Im folgenden Beispiel war es wieder ein Aussichtspunkt, durch den mein Standpunkt vorgegeben war. Am Fuß der Lower Falls of the Yellowstone River bildet sich jeden Tag bei Sonnenschein zu einer bestimmten Uhrzeit ein Regenbogen. Von dem Luftlinie gut 1km entfernten Artist Point aus kann man dieses Schauspiel bewundern. Es gibt sehr viele Aufnahmen, die den Fall als kleinen Bestandteil der eindrucksvollen Landschaft zeigen – mit einem noch kleineren Regenbogen am Fuß des Wasserfalls. Ich wollte den Fokus auf den Regenbogen und den mächtigen Wasserfall legen und habe daher zum Teleobjektiv gegriffen. 400mm Brennweite am Kleinbild-Sensor haben dieses Landschaftsdetail herausgestellt:

Regenbogen an den Lower Falls of the Yellowstone River, 400mm Brennweite (Kleinbild)

Am Abend in der Cabin habe ich bei der Rückschau der Bilder auf dem Kameradisplay die Aufnahme vergrößert, um die Schärfe zu prüfen. Dabei wurde der Bildwinkel immer enger gefasst und das ist auch eine ungefähre Vorschau darauf, wie eine längere Brennweite wirken kann. Dabei ergab sich ein Bildausschnitt, von dem ich auf Anhieb begeistert war. Somit stand mein Entschluß fest, am nächsten Tag diese Location nochmals aufzusuchen, dann aber mit der Ausrüstung, die ich eigentlich für die Tierfotografie mitgenommen hatte. Eine 500mm Festbrennweite, zusammen mit einem 1,4x Konverter an einer Kamera mit einem Crop-Faktor von 1,3 ergibt einen Bildwinkel, der einer Brennweite von 960mm am Kleinbild entspricht. Das Ergebnis sieht dann so aus:

Bunte Gischt am Fuße der Lower Falls of the Yellowstone River, 960mm Brennweite (Kleinbildäquivalent)

Verdichtung der Perspektive

Wenn man die vorangegangene Aufnahme (960mm KB äquivalent) mit dem entsprechenden Ausschnitt in der 400mm Aufnahme vergleicht, wird man feststellen, dass der Abstand zwischen den Bäumen auf den Felsen im Vordergrund und den Stromschnellen am Fuß des Wasserfalls im Hintergrund unterschiedlich wirkt. In der Aufnahme mit der längeren Brennweite scheint dieser Abstand deutlich geringer zu sein. Diesen Effekt, bei dem Elemente im Bild scheinbar zusammengerückt werden, nennt man „Verdichtung der Perspektive“.

Wenn man um diesen Effekt weiß, kann man ihn sich natürlich zu Nutze machen. Im folgenden Bild steht der kleine Glockenturm vor der mächtigen Wand, die ihn beinahe erdrückt. Tatsächlich beträgt die Distanz zwischen Turm und Felswand jedoch mehr als 1km Luftlinie.

Glockenturm vor Felswand, 200mm Brennweite

Ein weiteres Beispiel ist die folgende Aufnahme der Burg Berwartstein. Kurz bevor die Burg vom aufsteigenden Nebel geschluckt wird, steigt an den Hängen des dahinter liegenden Tals Nebel aus dem Wald auf. Durch die Verdichtung der Perspektive wirkt es so, als würde die Nebelwand direkt hinter der Burg stehen.

Die Burg Berwartstein im Nebel, 400mm Brennweite

Eine gezielte Anwendung dieses Effektes ist die Staffelung von Linien in einem Bild. Hintereinander liegende Hügelketten werden dadurch betont, wie in der folgenden Aufnahme aus dem Pfälzerwald:

 Die Hügel des Pfälzerwaldes ragen aus dem Herbstnebel hervor, 400mm Brennweite.

Abstraktion

Frei nach Wikipedia bezeichnet man als Abstraktion die Reduzierung eines Motivs auf wesentliche Aspekte bis hin zu der fast völligen Abwesenheit eines konkreten Bezugs zu einem Gegenstand. Dies kann gerade in der Naturfotografie zu unglaublich spannenden Bildern führen. Das Teleobjektiv ist oft der Schlüssel bei der Erstellung dieser Aufnahmen.

Manchmal genüg es dabei schon, ein Detail zu erkennen und den Bildausschnitt entsprechend eng zu setzen. Die folgende Aufnahme zeigt einen Felsen in einem Bergbach und reduziert die Szene im Wesentlichen auf die Linien im Fels und die Farben ober- und unterhalb der Wasserlinie.

Linien im Fels, 200mm Brennweite

Das Verwischen einer Bewegung durch eine lange Verschlusszeit bei gleichzeitigem Mitziehen der Kamera mit dem Motiv, im folgenden Beispiel einer Welle am Atlantikstrand, ist eine weitere beliebte Methode zur fotografischen Abstraktion. Durch den engen Bildausschnitt eines Teleobjektivs kann hier eine weitere Reduzierung des Motivs erfolgen.

Mitzieher einer Welle an der Atlantikküste zum Sonnenaufgang, 200mm Brennweite

Mitzieheraufnahmen eignen sich zur Abstraktion dann besonders gut, wenn die Richtung der Kamerabewegung den Linien im Motiv folgt. Im vorangegangenen Beispiel war dies die Diagonale der einlaufenden Welle. Im Wald betont eine senkrechte Bewegung der Kamera zum Zeitpunkt der Aufnahme die Linien der Bäume im Bild:

Wischeraufnahme im Wald, 200mm Brennweite.

Ich hoffe, den Lesern in diesem Beitrag ein paar Beispiele und Anregungen gegeben zu haben, um sich Landschaftsmotiven auch gerne einmal mit dem Teleobjektiv zu nähern. Alle, die bisher der Meinung waren, dass Landschaftsaufnahmen ausschließlich eine Sache für Weitwinkelobjektive sind, sollten hier genügend Beispiele gefunden haben, warum das eben nicht so ist. Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist, was Landschaften und Tele angeht, der findet beim Stöbern in meiner Galerie noch weitere Bildbeispiele und Anregungen.

Danke fürs Lesen, gutes Licht und vergesst das nächste mal nicht das Teleobjektiv!
Michael